Rastatt, 1.10.2019 Dr.Irmgard Stamm
Was machen Badener, genauer: Rastatter in der Fremde, die es zu was gebracht haben? Sie bekämpfen ihr Heimweh durch Schaffung von Erinnerungen. So jedenfalls half sich der aus Rastatt stammende Unternehmer Günter Bauer, der nach der Wende in Leipzig ein erfolgreiches Logistikunternehmen aufgebaut hat. In seinen jungen Jahren hatte er im „Türkenlouis“, einem Traditionslokal an der Ecke Ludwigring/Bahnhofstraße viele und schöne Stunden verbracht, und so eröffnete er im neugeschaffenen Freizeitparadies am Kap Zwenkau ein Restaurant mit eben diesem Namen. Neben badischen Spezialitäten gibt es dort auch badischen Wein und badisches Bier, ja sogar Mineralwasser aus badischen Quellen. Während das Rastatter Lokal längst nicht mehr existiert – es lief zuletzt unter dem Namen „Zum Markgraf“ [sic] – kann man es sich 20 Kilometer südlich von Leipzig badisch gut gehen lassen, Hechtklößchen à la „Katzenbergers Adler“ essen und mit dem Eigentümer badisch schwätzen, ja sogar das Badenerlied erklingt zu vorgerückter Stunde! Man sieht die badischen Farben rot und gelb, Tischdecken und -servietten sind aus Stoff, frische Blumen, feines Porzellan – der Badener weiß, was zur guten Gastronomie gehört. Aber was wäre ein solches Lokal ohne die Landsleute, die manchmal dort einfallen! Nicht nur die Gäste, vor allem die Musiker sind es, die es richtig krachen lassen. Seit zwölf Jahren gehören Attila Schumann, der omnipräsente Rastatter Gitarrist, Schlagzeuger Ringo Hirth und Peter Schneider mit der Baßgitarre als „Holiday Blues Band“ zum Standardprogramm. So auch beim Jubiläumskonzert „50 Jahre Woodstock“ am letzten Septemberwochenende. Dazu gesellten sich heimische Größen wie der Saxophonist Frank Liebscher, Uwe Steger am Akkordeon und das aus Ägypten stammende Nachwuchstalent Ahmed Mouinib mit der Geige, der sein Abenddebut gab mit dem anrührenden „Hallelujah“ von Leonard Cohen. Durchweg spielten sie derart aufeinander abgestimmt, als würdensie nie anders als in dieser Formation auftreten, und so war das Konzert mit vielen Rockklassikern eine ganz runde Sache. Da bleibt kein Fuß unter dem Tisch, die Gäste tanzen ausgelassen zu „Honkytonk Woman“ oder „Painted Black“, man hört den Lieblingssong des Gastgebers „Hey Joe“und kommt zur Ruhe, als Frank Liebscher eigentümliche Klänge aus einem Metallgefäß zaubert, das aussieht wie ein Wok. Dann spielen sie weiter fast bis zur Erschöpfung, weil das Publikum nach„House of the rising sun“ und „Sympathy for the Devil“ wieder Zugabe verlangt und schließlich nach endlosem „Knocking on heaven ́s door“ wiederwillig Ruhe gibt.Ganz im Stil der Barockfürsten engagiert sich Günter Bauer auch als Kunstmäzen und so hängen anden Wänden des „Türkenlouis“ Werke von Künstlern, die noch etwas bekannter werden wollen und sollen. Der echte Türkenlouis hätte seine Freude gehabt!Wer es nach einem so abgefahrenen Konzert nicht mehr weit schafft, für den ist gesorgt: Im Nebengebäude, dem „Haus Z1“ sind Ferienwohnungen zu haben, die keinen Komfort vermissen lassen, dafür aber auf alles Überflüssige verzichten. So sind die Wände im Stil des Brutalismus (vonbeton brut = roher Beton) gehalten, mit sichtbar verlaufenden Leitungen und Kabeln. Natur pur ist der Blick auf den Zwenkauer See, eine ehemalige Braunkohlemulde, die man vor einigen Jahren geflutet hat. Die Gäste aus Rastatt, die einst im legendären „Haus“ in der Ritterstraße nicht zu finden waren, können das hier nachholen. Schade nur, dass die Alt-Zwenkauer den See samt Hafenbereich (noch) nicht als ihr Freizeitgelände betrachten; die meist auswärtigen Bewohner und Gäste bleiben unter sich. Vielleicht ändert sich das ja, wenn der umtriebige Badener sein neues Projekt verwirklicht: das Café Sibylla Augusta. Die Gemahlin des Türkenlouis stammte nämlich ausdem Hause Sachsen-Lauenburg – immerhin.













