Im Jahr 2016 erhitzten sich in Rastatt die Gemüter über kalten Stein. Es ging um das sogenannte 30er Denkmal auf dem Postplatz, das sich recht unscheinbar zwischen Parkplätzen vor der Post befindet. Soll es versetzt oder gar kassiert werden? Die Meinungen gingen auseinander: während die einen in dem Denkmal ein martialisches, kriegsverherrlichendes Relikt sahen, kritisierten die anderen das mangelnde Geschichtsbewußtsein der Stadtplaner.

Ob Denkmal, Mahnmal oder Stolperstein – alle haben den Sinn, an besondere Ereignisse zu erinnern, den Opfern einer schlimmen Epoche Ehre zu erweisen und der Nachwelt einen Fingerzeig zu geben. Doch die Sicht auf die Geschichte ändert sich so, wie sich die politische Lage wandelt. Man denke an die Standrechtsopfer der 1849er Revolution, die zu ihrer Zeit als Terroristen bestraft, im folgenden Jahrhundert rehabilitiert und geradezu als Helden, wenn nicht als Märtyrer betrachtet wurden und werden.

30er Denkmal in Rastatt/Postplatz

So erlebte auch das Denkmal auf dem Postplatz einen Bedeutungswandel. Nach der Reichsgründung 1871 wurde das 2. Badische Feldartillerieregiment Nr. 30 als Truppenteil der preußischen Armee in Rastatt aufgestellt. Bis 1931 waren die „30er“ in der Schloßkaserne und Backsteinkaserne am Schloßpark/Bahnhofstraße untergebracht, später zogen sie in die neuerrichteten Kasernen in der Ludwigvorstadt (später Joffre-Areal) um. Der Kriegsausbruch 1914 war natürlich in einer Garnisonstadt wie Rastatt besonders spürbar, außer den Feldartilleristen zogen die ebenfalls hier stationierten 111er und 40er an die Front. Als 1918 die Truppen von den Schlachtfeldern Frankreichs zurückfluteten, waren zahlreiche Gefallene „auf dem Felde der Ehre“ geblieben. Den Angehörigen und Kameraden war es jedoch nicht möglich, die Kriegsgräber zu besuchen, zumal der Versailler Vertrag den Weg in das „Feindesland“ abschnitt.  Es war ein  Bedürfnis der Überlebenden, den Toten einen Gedenkstein zu widmen. Die ehemalige Garnison wollte zudem ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, daß die getöteten Soldaten den Feind von der Heimat ferngehalten hatten. Zugleich sollten die Hinterbliebenen einen Ort für ihre Trauer haben, den sie mit Blumen schmücken konnten. Ein weiterer Beweggrund wurde genannt: Der Stein sollte „die Lebenden, besonders die Jugend mahnen und anspornen, sich der für sie Gefallenen wert zu zeigen.“ Eine Mahnung zum Frieden, zum Verzicht auf Aggression und Gewalt, gab es nicht – trotz der Menschenmassen, die in diesem Krieg verblutet waren. Wer die riesigen Soldatenfriedhöfe in Nordfrankreich gesehen hat – wie unlängst der Historische Verein bei seinem Jahresausflug nach Verdun – fragt sich, wie es kaum zwei Jahrzehnte später erneut zum Krieg kommen konnte. Und doch: es kam noch schlimmer!

Im Juli 1924 wurde das 30er Denkmal, ein umgewidmeter Grabstein vom Stadtfriedhof, im Museumsgarten mit einer feierlichen Zeremonie eingeweiht. Neben militärischen und kirchlichen Vertretern hielt auch Oberbürgermeister Renner eine Rede, die er mit den Worten schloß: „Mit Stolz übernehme ich …diesen Gedenkstein in die Obhut der Stadt und widme gleichzeitig den gefallenen Helden den verdienten Lorbeer.“ Ein prachtvoller Kranz wurde niedergelegt.

Die Stadt Rastatt, traditionell militärisch geprägt, litt besonders unter den Kriegsfolgen, vor allem dem Verlust der Garnison, die so vielen Bürgern Arbeit und Verdienst geboten hatte. Flüchtlinge aus Elsaß-Lothringen und verlorenen Ostgebieten bevölkerten nun die Kasernen, das Wirtschaftsleben erholte sich nur langsam. So war die Denkmalsetzung auch ein Ausdruck der allgemeinen Frustration über den verlorenen Krieg.   

Schon zehn Jahre später wurde das 30er-Denkmal, das sich an der Stelle der Steinfigur Flora befand,  durch ein neues, „würdigeres“ ersetzt. In der Werkstatt des Rastatter Bildhauers Gaiser entstand das heutige Monument, das in einem „heiligen Hain“ plaziert wurde, umgeben von einer Taxushecke. Sein Zugang von der Kapellenstraße her sollte zu Andacht und Ehrfurcht mahnen. Drei Jahre später beschnitt eine Straßenverbreiterung und ein Gehweg die Anlage. 1963 schließlich, als der Postvorplatz neugestaltet wurde, legte man um das Denkmal herum Parkplätze an: Rastatt war Einkaufsstadt geworden. Von einem „würdigen“ Ambiente kann seither wohl keine Rede mehr sein.

Nach der Erfahrung des 2. Weltkriegs hat sich in Deutschland die Einstellung zu Kriegsdenkmälern  geändert, gefallene Soldaten werden nicht mehr grundsätzlich als Helden betrachtet, sondern als Kriegsopfer, und der Heldengedenktag des Dritten Reichs ist dem Volkstrauertag gewichen. Je länger die Kriege zurückliegen, umso geringer ist naturgemäß auch das Interesse an der Erinnerungspflege. So erhebt sich die Frage: Paßt das 30er Denkmal noch in die heutige Zeit?

Die Stadtplaner begründen ihr Versetzungsprojekt damit, daß das Denkmal kein allgemeines Denkmal der Stadt für die Opfer des 1. Weltkriegs ist, sondern eines derjenigen, die auf Privatinitiative hin für Truppenteile geschaffen wurden, die oft von Traditionsvereinen gepflegt und mit regelmäßigen Veranstaltungen belebt werden. Um das 30er Denkmal kümmert sich jedoch niemand, dort findet auch keine Gedenkveranstaltung statt. Es sind sogar in der Vergangenheit Teile des Baukörpers einfach verschwunden, als der Pflanzenbewuchs hoch war; diese finden sich vermutlich in irgendwelchen Privatgärten wieder. Gegen den Verbleib spreche außerdem, daß das 30er Regiment kein altes badisches oder gar großherzogliches Regiment gewesen sei und schon lange -nämlich im 2.Weltkrieg- aufgelöst worden sei. Und wo es eingesetzt war, was es bewirkt hat und ob überhaupt Rastatter Bürger darin waren, müsse erst noch festgestellt bzw. publik gemacht werden.

Bleibt noch die Frage des Geschmacks, über den man bekanntlich streiten kann. Wenn auch eine Inszenierung von Kriegslust oder Heldenmut nicht zu erkennen ist – darüber dürften wir heute sehr wohl richten!-  so gereicht das Monument dem Postplatz in der bestehenden Form nicht zur Zierde. Und die Parkplätze, die von der Neugestaltung des Platzes nicht berührt werden, bieten dem Denkmal auch künftig kein schöneres oder würdigeres Ambiente.

Aus Kostengründen hat der Gemeinderat nun beschlossen, von einer Versetzung in den Schloßpark bis auf Weiteres abzusehen. Verschoben ist nicht aufgehoben: zu einem späteren Zeitpunkt

wird es wieder um das Schicksal des 30er Denkmals gehen. Bei aller emotional geführten Diskussion sollte man aber bedenken, dass hier ein Monument versetzt werden soll, und nicht ein Regiment.

Rastatt, 7.2.2022

Dr.Irmgard Stamm

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