Mißbrauch, Mißbrauch und kein Ende. Die Verfehlungen katholischer Geistlicher sind inzwischen auf höchster, päpstlicher Ebene angelangt und wer´s nicht mehr hören kann, muß doch mit weiteren Enthüllungen rechnen. Es sind die Negativschlagzeilen, die die (katholische) Kirche als moralische Institution in Frage stellen. Wer denkt da an diejenigen Priester, die ihr Amt gewissenhaft ausüben, sich nichts zuschulden kommen lassen und in ihrer Gemeinde beliebt und geschätzt sind? Zwangsläufig geraten auch sie unter Generalverdacht, werden mißtrauisch beäugt und sind – gerade zur Karnevalszeit- dem öffentlichen Spott ausgesetzt. Keine närrische Sitzung vor Corona, in der nicht übergriffige Priester als willkommene Lachnummer vorkamen, und Hochwürden im Publikum mußte heitere Miene machen zur noch so plumpen Plattitude.

Mit Spott war die Kirche in ihrer langen Geschichte immer konfrontiert. Das wohl bekannteste und bis heute viel zitierte Werk ist „Der Pfaffenspiegel“, eine polemische Streitschrift gegen die katholische Amtskirche und das Papsttum. Die Publikation erschien 1845 erstmals in Leipzig in einer Auflage von 3000 Exemplaren. Ihr Verfasser, der Schriftsteller Otto von Corvin (1812-1886) wollte damit die deutschkatholische Bewegung mit Johannes Ronge an der Spitze unterstützen, die infolge der Verehrung des Heiligen Rocks in Trier entstanden war und sich von der römischen Kirche abspaltete.

Schon die Vorrede zur ersten Auflage ist offen und derb: „Man schämt sich ein Mensch zu sein, wenn man überdenkt, durch welche Mittel es den Päpsten gelang, die Geister der Menschen in das Joch zu schmieden…Mit der schamlosesten Frechheit wurde die dummgläubige Christenheit geplündert, denn Geld! Geld! War die Losung Roms. Scharen feister Mönche und Nonnen mästeten sich von dem sauer erworbenen Sparpfennig der Armen…“[1]. In einem beinahe  vergnüglichen Ritt durch die Kirchengeschichte, gewürzt mit Zitaten und Beispielen, wird das Geschäftsmodell „Kirche“ bloßgestellt, mit dem die Päpste zu Macht und Reichtum gelangten. Erfundene Märtyrer, falsche Reliquien, Sündenablaß und künstliche Rituale wie die „Jubeljahre“ werden ebenso beschrieben wie Hurerei, Völlerei und sonstige Ausschweifungen der Kirchenväter und ihres Gefolges.

Corvins Kritik am Katholizismus ist umfassend und vernichtend. Der „Pfaffenspiegel“ brachte dem Autor  begeisterte Zustimmung bei der Leserschaft und der Presse ein, aber auch Schmähungen aus dem Lager jener, denen er den „Spiegel“ vorhielt. Der Beschlagnahme der 5.Auflage von 1885 und dem Prozeß gegen ihn und seinen Verleger folgten weitere, wodurch aber der Ruhm des „Pfaffenspiegel“ noch stieg; den Tatbestand einer unzüchtigen Schrift erfüllte er indessen nicht.

Die Nationalsozialisten werteten den „Pfaffenspiegel“als antiklerikales Buch propagandistisch aus. Daraufhin versuchte die Kirche, die Wirkung desselben zunichte zu machen, indem sie behauptete, der protestantische Autor Otto v. Corvin-Wiersbizki sei Halbjude gewesen, das Werk sei in einer jüdischen Druckerei entstanden. Ferner sei Corvin mit Juden befreundet und ein Mensch mit wenig Mitgefühl, mit kaltem Sarkasmus und anmaßender Überheblichkeit gewesen – kurz, „alles, was wir heute als besonders unarisch ansehen.“ Die Artikelreihe „Wider den Pfaffenspiegel“, 1937 vom Mainzer Domkapitular Joseph Schneider verfaßt, deckt die dunklen Stellen in Corvins Leben auf, um den „gottlosen Religionsspötter“ in Mißkredit zu bringen.

Genützt hat diese Gegenschrift der katholischen Kirche wenig. Der „Pfaffenspiegel“, so unwissenschaftlich und kritikwürdig er auch sein mag, ist stets griffbereit, wenn die katholische Kirche wieder einmal in die Schlagzeilen der Medien gerät. Er spiegelt bis heute!

Sein Verfasser, Otto von Corvin, ist in Rastatts Geschichte kein Unbekannter. Als Teilnehmer am badischen Aufstand von 1848/49 geriet er in die belagerte Festung und gilt als einer der kompetentesten Chronisten der Revolution. Nach Gefängnis und Exil in Amerika schloß sich der Antipapist den „Freireligiösen“ an, deren Gemeinde in Wiesbaden ihn über den Tod hinaus ehrt. 

Dr.Irmgard Stamm

Rastatt, 26.1.2022


[1]          Vorrede zur ersten Aufl.1845, revidierte Original-Ausgabe Berlin-Schöneberg 1934, S.8/9.

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