Relikt der Endphase des Zweiten Weltkriegs ergänzt die Sammlung des Historischen Vereins Rastatt e.V. am Westwallbunker.

Von Maximilian Wawrzinek

80 Jahre lang hatte die neueste Erwerbung des Historischen Vereins Gelegenheit Moos anzusetzen. Damit war es am Samstag, den 03. August 2024 vorbei: Die Aktiven unseres Vereins leiteten in einer beispielhaften Aktion unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte den Umzug des Relikts ein, um es in Zukunft einer angemessenen Präsentation zuführen zu können. Nachdem das Objekt seit der Endphase des Zweiten Weltkriegs in einem Oberndorfer Garten ruhte, war es in den 70er Jahren von seinem Ursprungsort wegbewegt worden, der zu dieser Zeit zum Wohngebiet umgewandelt wurde. Daher bestand kein historischer räumlicher Zusammenhang mehr, eine Translozierung zum Gelände des Historischen Vereins an die L75a schien daher auch aus denkmalpflegerischer Sicht unproblematisch. Das Objekt besitzt bemerkenswerten dokumentarischen Wert für die örtliche Heimatgeschichte und stellt für das vereinseigene Freilichtmuseum eine weitere Bereicherung dar. 

Doch warum handelt es sich bei dem zunächst unscheinbar anmutenden Betonsockel? Wo heute Einfamilienhäuser stehen, wurden im Februar 1945 die Vorbereitungen für den finalen Akt des Zweiten Weltkrieges in der Region getroffen. Für den Bereich der Festungspionierkommandantur 1 am Oberrhein war die Lieferung von insgesamt 319 Geschützen vorgesehen, darunter 50 Stück sog. 5 cm Kampfwagenkanonen 39/1, die ursprünglich zum Einbau in Panzerkampfwägen, wie den Panzerkampfwagen III vorgesehen waren. Die restlichen für den Oberrhein bereitgestellten Geschütze setzten sich aus regulären PaK (Panzerabwehrkanonen), aber auch aus ganzen Panzertürmen zusammen, wie u.a. der Fund eines Panther-Drehturms bei Iffezheim in den 1970ern beweist. Das Vorhaben war Teil eines Armierungsprogramms, das die mittlerweile obsolet gewordene Panzerabwehr des Westwalls unterstützen sollte, der erneut zur Frontlinie zu werden drohte. Eine Archivale im Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv in Freiburg im Breisgau zeigt, dass bis zum 13.02.1945 immerhin 45 der 50 beorderten 5cm KWK am Oberrhein eintrafen und dort in ortsfeste Stellungen eingebaut wurden. 6 dieser Geschütze waren für den Bereich zwischen Kuppenheim und Oberndorf vorgesehen. Da sie ortsfest und nicht in die vorgesehenen Panzerkampfwägen eingebaut wurden, entwickelte das Militär die sog. Sockellafette Ia (Sk-L Ia), welche die Rohre aufnehmen konnte. Diese wiederum wurde mit Gewindebolzen an einem Fundament befestigt, das die Kanone bei Gebrauch an Ort und Stelle halten sollte. Aufgrund der speziellen Anordnung der Löcher, der konkreten Abmessungen, sowie der Erkenntnisse aus dem Bundesarchiv lässt sich mit Gewissheit sagen, dass auch das neu erworbene Fundament aus Oberndorf eine solche Sk-L Ia aufnahm. 
Dem Grundstückseigentümer, der um die besondere Geschichte des Stücks wusste, ist es zu verdanken, dass das Zeitzeugnis aus Beton nicht im Bauschutt endete, sondern auf dessen Wunsch nun eine entsprechende Würdigung erfährt. Schließlich hatte dieser die Aufstellung und den Einsatz der Kanone auf dem eigenen Grundstück als Kind hautnah miterlebt und versetzte mit dem unglaublichen Detailreichtum der geschilderten Zeitzeugenerlebnisse alle Anwesenden in andächtiges Staunen. Selbst ein aus Metallresten gefertigtes Modell der Kanone, das die Bedienungsmannschaft dem damals Sechsjährigen schenkte, konnte dieser noch vorzeigen. Seinen Schilderungen ließen sich auch wertvolle Hinweise auf die Logistik beim Abtransport der Geschütze entnehmen. So wurde lediglich der heute erhaltene Fundamentteil mit den präzise positionierten Löchern für die Ankerbolzen vorgefertigt, auf die schlussendlich das Geschütz geschraubt wurde. Auf diese Weise vermied man aufwendige Baustellenkonstruktionen und stellte eine spätere Passgenauigkeit von Fundament und Lafette sicher.  Aufgrund der Ringform sparte man beim Transport Gewicht und ermöglichte ein ergonomisches Rollen des Fundaments. 

Wie der Eigentümer berichtet, wurde vor Ort schließlich die Ringmitte ausgegossen sowie zusätzlicher Beton um den Ring eingebracht, der für das nötige Gewicht sorgte. Er erinnert sich an gleich drei Geschütze, die unterhalb des elterlichen Hauses aufgestellt waren. Sie wirkten entlang des abfallenden Geländes nach Norden und sollten höchstwahrscheinlich den Eingang ins Murgtal für gepanzerte Fahrzeuge sperren. Auf das schnelle Vorrücken des Feindes ins Murgtal ab dem 07.04.1945 konnten die Kanonen offenbar nur wenig Einfluss nehmen. Eine Erklärung können fehlende Munitionsvorräte darstellen, die auch in der Freiburger Archivale explizit angemerkt werden. Um zu vermeiden, dass die Waffen in feindliche Hände fielen, eilte ein Offizier von Geschütz zu Geschütz und ließ diese zur Sprengung vorzubereiten. Die offenbar erst durch die Explosionen auf die Stellungen aufmerksam gewordenen Franzosen eröffneten daraufhin das Feuer. Dabei erlitt der Offizier einen Treffer und verlor seinen Arm. Die schwere Verwundung überlebte er nur aufgrund der Fürsorge einer alten Oberndorferin. Kein glückliches Ende nahm die Geschichte für das stattliche elterliche Fachwerkhaus des Grundstückseigentümers, das durch den gegnerischen Beschuss in Brand geriet und zerstört wurde. Marokkanische Kolonialtruppen unterbanden die verzweifelten Löschversuche.
Es ist erstaunlich, wie viel der auf den ersten Blick rätselhafte Betonsockel vom aussichtslosen militärischen Hinhalten gegen Kriegsende, aber auch von bisher wenig bekannten Einzelschicksalen aus unserer Heimat berichten kann. Er ist Kristallisationspunkt zur Beschäftigung mit der eigenen, oft wenig beachteten Vergangenheit und liefert wertvolle Hinweise zu größeren militärhistorischen Zusammenhängen. Er ruft uns, wie die anderen Ausstellungsstücke auf dem Gelände des Westwallbunkers, ins Bewusstsein, dass der Zweite Weltkrieg auch vor unserer Haustür stattfand und unterstreicht im Rahmen der historisch-politischen Bildung bei unseren Führungen: Krieg gehört ins Museum! 

Abbildung 1: Zugewiesene, eingetroffene und feuerbereite Geschütze am Oberrhein (18.01.1945)
Abbildung 2: 5 cm KWK Bordkanone (feldmäßiger Ausbau). Die auch in Oberndorf eingebaute Waffe sollte am ganzen Oberrhein zur Verwendung kommen. Schwerpunkte des Einsatzes lagen bei Kehl, aber auch im Bienwald. Ein Übersetzen der Alliierten wurde offenbar für den gesamten Oberrhein angenommen. Einzelne Stellungen, wie auch die Oberndorfer, sperrten Eingänge in Schwarzwaldtäler, die sonst nur unzureichend gegen Panzer geschützt waren.
Abbildung 3: 5 cm KWK 39/1 in Sk-L Ia. Gleiche Konstruktion wie in Oberndorf, hier noch ohne Betonfundament auf einer Unterkonstruktion aus Holz beim Heereswaffenamt, Amtsgruppe für Entwicklung und Prüfung im Oktober 1944.
Abbildung 4: 5 cm KWK 39/1 in Sk-L Ia. Gleiche Konstruktion wie in Oberndorf, hier noch ohne Betonfundament auf einer Unterkonstruktion aus Holz beim Heereswaffenamt, Amtsgruppe für Entwicklung und Prüfung im Oktober 1944.
Abbildung 5: Zeichnung der 5 cm KWK auf Sk-L Ia inklusive Draufsicht auf den Sockelfuß. Die Position der Löcher gleicht der auf dem Oberndorfer Fundament.
Abbildung 6: Modellkanone, von der Besatzung der 5 cm KWK in Oberndorf für den damals sechs Jahre alten, heutigen Grundstückseigentümer gefertigt.
Abbildung 7: Aufladend es ca. 350 kg schweren Fundaments.
Abbildung 8: Am Bunker angekommen.

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