Das Zay
Zum Aktivenseminar trafen sich am 20.Oktober 2025 um 18 Uhr 16 Mitglieder des Historischen Vereins. Diesmal machten wir einen Rundgang durch das Zay, das man als „Kind der Entfestigung“ bezeichnen kann. Als reines Wohngebiet hat es auch einige historisch sehenswerte Stellen zu bieten.







Treffpunkt war das 1897/98 entstandene Bildungshaus St. Bernhard (Konvikt), das auf dem Gelände des Unteren Anschlusses der Ludwigsfeste mit den Bastionen 20 und 21 steht. (Im Bereich des Eckhauses Ludwigsfeste /Gartenstrasse fanden im August 1849 die ersten Erschießungen der verurteilten Freiheitskämpfer statt, bis man sie in die Leopoldsfeste verlegte.) Erst nach deren Abbruch nach 1890 konnte mit der Bebauung des „Zay“ begonnen werden. Fachlich begleitet wurde die Stadtplanung vom Karlsruher Baurat Reinhard Baumeister.
Der Name Zay leitet sich möglicherweise von „zäh“ ab, da sich in den Niederungen der Murg zäher, lehmiger Boden vorfindet, auf dem früher mehrere Ziegeleien betrieben wurden. Auf älteren Gemarkungskarten liest man die Gewannnamen „Rheinauer Zay“ und „Rastatter Zay“. Die andere Erklärung, die der ehemalige Leiter des Stadtarchivs Professor Krämer vertrat, führt den Namen Zay auf „Zein“ (Zaun) zurück. Vor 1724 gab es ein Gebiet am „Zein“, dort wurde 1787 eine Baumschule eingerichtet und bildete eine Abgrenzung zur Stadt mit Baumbewuchs.





Gegenüber dem Konvikt stand das Rheintor der Bundesfestung, das – wie eine Platte am Wohnhaus beschreibt – 1888 abgebrochen wurde, das Wachgebäude allerdings erst 1926. Von dort ging es zum Carl-Schurz-Brunnen, der ein klägliches Aussehen hat und Opfer von Vandalismus wurde. Hier soll Carl Schurz 1849 nach seiner Flucht durch den Abzugsgraben („Stinkgraben“) ausgestiegen und über den Rhein entkommen sein. Er machte später in den USA Karriere und wurde Innenminister, von ihm stammen Lebenserinnerungen mit genauer Beschreibung der Revolution. In Rastatt erinnern Gedenkplatten an ihn, eine Straße und eine Schule sind nach Schurz benannt.
Der Gedenkstein für den Gesandtenmord, gestiftet vom Gemeinnützigen Verein um 1900, war das nächste Ziel. An dieser Stelle des Hasenwäldchens wurden am 28.April 1799 drei französische Teilnehmer am Rastatter Friedenskongress bei ihrer Abreise brutal überfallen, zwei von ihnen – Bonnier und Roberjot- ermordet und die Leichen bei der Bernharduskirche beigesetzt. Der Deputierte Debry wurde verwundet und konnte sich retten. Dem Medicus (Zwiebelhofer?), der ihn gesund pflegte schenkte er ein Kreuz, das sich noch im Besitz von dessen Nachfahren (Familie Welz-Spriestersbach, Murgstrasse ) befindet. Für den Überfall machte man damals französische Emigranten verantwortlich, die sich als Szeklerhusaren verkleidet hatten. Andere sahen die Rache Österreichs für die Ermordung von Marie Antoinette als Motiv. Jedenfalls waren die Kriegshandlungen wieder aufgeflammt und der Kongreß brachte statt Frieden Vergeltung und weiteres Blutvergießen.
Die letzte Etappe führte uns in die Gartenstadt Zay, vorbei an der ehemaligen Max-Jägerschule, wo noch immer das Uhrentürmchen die anderen Gebäude überragt. Dieses stammt vom mittleren Kehlreduit der Leopoldsfeste, wie an Aufnahmen des Fotografen Escher zu erkennen ist. Strittig war indessen der Zeitpunkt des Abrisses des mittleren Kehlreduits.
Nun ging es – bereits im Halbdunkel- in die Gartenstadt zwischen Florastrasse, die bis zur Gebietsreform 1974 Blumenstrasse hieß, und Rosenstrasse. Auf einem schmalen Fußweg wanderte die Gruppe mitten durch Gärten und kam auf der Florastrasse wieder heraus. Das Wohnquartier war nach dem Entwurf von Hermann Loesch aus dem Jahr 1919 entstanden und sollte der Selbstversorgung für Arbeiter und Minderbemittelte dienen. Bereits 1909 war die Baugenossenschaft Gartenstadt entstanden, wurde aber vom damaligen Bürgermeister Bräunig nicht unterstützt, der den Bau von großzügigen Bürgerhäusern auf dem teuren Baugrund bevorzugte (s. Sybillenstrasse). Die Baugenossenschaft Gartenstadt konnte kriegsbedingt erst ab 1919 tätig werden und stellte, unterstützt von Bürgermeister Renner, eine große Zahl von Kleinwohnungen mit Gartenanteil her, wofür das durchwanderte Gebiet ein gutes Beispiel ist.




Der Rundgang durch das Zay endete bei der Gedenkplatte zum 200. Geburtstag von Joseph von Eichendorff (Lubowitz 1788-1857), das die in Rastatt nach 1945 zahlreich heimisch gewordenen Oberschlesier gestiftet hatten. Von „ihrem“ Dichter stammt das berühmte Gedicht „Mondnacht“(1837).
Inzwischen war es dunkel geworden und die Gruppe stärkte sich im Restaurant „Da Nici“. Kurt Pottiez berichtete über die Geschichte dieses Lokals, das unter dem Namen „Zum Hasenwäldchen“ bekannt ist und vor 100 Jahren begonnen und 1926 fertiggestellt wurde. Der ursprünglich mittige Eingang ist aus Sicherheitsgründen inzwischen an die Seite verlegt worden.

Die Einladung ist zugleich ein Dank an die aktiven Vereinsmitglieder für ihre Mitwirkung im vergangenen Vereinsjahr.
Rastatt, 20.10.2025
Dr.Irmgard Stamm, Historischer Verein (Vorsitzende)





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