Zeitungsbericht von 2014 Badische Tagblatt (Dr.Irmgard Stamm, April 2014)
Daß Russen und Ukrainer sich zur Zeit nicht grün sind, dürfte allgemein bekannt sein. Kein Tag vergeht, an dem nicht ein neuer Konfliktherd gemeldet wird – zur Zeit an der Ostgrenze der Ukraine, die bis 1991 zur Union der Sozalistischen Sowjetrepubliken gehörte. Natürlich verfolgen auch die hier lebenden Mitbürger aus der Ukraine besorgt die Vorgänge in der Heimat. Einer von ihnen ist Michail J., der vor sieben Jahren nach Deutschland kam und Arbeit als Techniker fand. Von Anfang an hat er sich auch für die ukrainischen Spuren in Rastatt interessiert. So ist es für ihn Ehrensache, das Ukrainerdenkmal auf dem alten Stadtfriedhof regelmäßig zu besuchen und gelegentlich von Laub oder Unrat zu befreien.
Allein die Geschichte dieses Denkmals spiegelt die wechselhafte Vergangenheit der beiden Brudervölker wider, die sich im letzten Jahrhundert wiederholt als Feinde gegenüberstanden. Errichtet wurde das Denkmal 1918, kurz vor dem Ende des 1. Weltkriegs, und es trägt die Inschrift: „Den Söhnen der Ukraine von ihren Landsleuten.“ Im Rastatter Münchfeld waren ab 1915 etwa 15000 ukrainische Kriegsgefangene untergebracht, darunter viele Kosaken, die sich nach dem Sturz des Zarenregimes für den Kampf gegen die Bolschewiken ausbilden ließen; sie kämpften von 1918-1922 für eine freie ukrainische Republik, einige hundert kehrten nach der Niederlage gegen die Bolschewiken nach Deutschland zurück.
Über das verhältnismäßig komfortable Leben in dem Ukrainerlager berichtet eine Dokumentation im Rastatter Stadtarchiv. Darüber ist Michail J. ebenso informiert wie über die von den Sowjets initiierte Hungersnot in dem sonst fruchtbaren ukrainischen Schwarzerdegebiet, der Millionen Kulaken (=wohlhabende Bauern) zum Opfer fielen, die sich der Zwangskollektivierung wiedersetzten. Betroffen waren davon auch die deutschen Kolonien, darunter Rastadt im Beresaner Gebiet. Besonders leidvoll war der zweite Weltkrieg, in dem die Ukrainer zwischen die Fronten gerieten, als die deutsche Wehrmacht einmarschierte. „Wir waren zwischen Hammer und Amboß,“ erklärte einmal ein Kriegsteilnehmer. Viele erhofften sich von einem deutschen Sieg die Befreiung vom Kommunismus und empfingen die deutschen Besatzer mit Brot und Salz.
Doch der Sieg der Roten Armee machte alle Hoffnungen zunichte, die Ukrainer wurden von der sowjetischen Geschichtsschreibung pauschal als Verräter und Kollaborateure gebrandmarkt. Während in Deutschland eine Aufarbeitung der faschistischen Epoche stattgefunden habe, fehle dies in der russischen Gesellschaft, vielmehr halte man die Erinnerung an den großen Sieg über die Nazis ständig wach, bedauert Michail. „Und man wird nicht müde, zu betonen, daß die Sowjets den Krieg ohne die Ukrainer gewonnen haben.“ Doch diese Gedanken beschäftigen den Patrioten nur, wenn er vor dem Denkmal steht. – hier oder auf dem Friedhof in Niederbühl, wo ein weiterer Gedenkstein an die ukrainischen Opfer des 1.Weltkriegs erinnert.

Zm Glück ist das Zusammenleben der Russen und Ukrainer, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Rastatt gekommen sind, unproblematisch – noch, denn was von ukrainischen und russischen Fernsehsendern in deren Wohnzimmer gelangt, bietet Stoff für Auseinandersetzungen. Bevor diese jedoch in Streit ausarten, wechselt man lieber das Thema und hofft aus sicherer Entfernung auf eine Lösung des Konflikts. Und diese sollte möglichst friedlich sein.
Dr.Irmgard Stamm, April 2014





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